Grazer Grüne wählen andersrum
30.03.2007 11:51
Grazer Grüne wählen andersrum
Lisa Rücker ist die neue grüne Spitzenkandidatin für die Grazer Gemeinderatswahl 2008. Sie kann nicht nur mit fachlicher Kompetenz punkten, sondern erregt auch durch Freundin und Mutterschaft Aufsehen.
Die Grazer Grünen haben vergangene Woche Lisa Rücker als Spitzenkandidatin für die Gemeinderatswahl 2008 gewählt. Damit führt erstmals eine lesbisch liierte Frau und Mutter zweier Töchter einen österreichischen Wahlkampf für ihre Partei an. Obwohl Rücker damit eine Lanze für andere homosexuelle PolitikerInnen bricht, möchte sie nicht in erster Linie als solche wahrgenommen werden: Ihre Kompetenzen sollen sie qualifizieren. Schwule und Lesben weichen zwar von der allgegenwärtigen heterosexuellen Normierung ab, sie seien jedoch "immer und überall" und sollten nicht als die "Anderen" wahrgenommen werden. Rücker meint, dass das gleichgeschlechtlich-Lieben allein kein wahlkampffüllendes Thema sein darf: Die Beschränkung auf die Homosexualität einer Person reduziert ihre Lebenssituation und schafft Vorurteile.
Seit anderthalb Jahren bei den Grünen Andersrum
Die seit über zwei Jahrzehnten leidenschaftliche Feministin und diplomierte Sozialarbeiterin kam mit dem schwarz-blauen Regierungswechsel zur grünen Politik und wurde 2003 Gemeinderätin. Bei den Grünen Andersrum ist Rücker seit anderthalb Jahren aktives Mitglied. Ihre politischen Wurzeln liegen in der autonomen grazer Frauenbewegung, der sie zu Anfang parteilos angehörte. Nun möchte sie als Spitzenkandidatin im kommenden Jahr grüne Ziele umsetzen. Weit oben auf ihrer Prioritätenliste steht die Umverteilung. Innerhalb der Partei ist Rücker unter anderem für die Finanzen zuständig, einer Männerdomäne, die von ihr als Frau bewusst besetzt wird. Andersrum engagiert ist Lisa Rücker insbesondere, wenn es um die Anliegen lesbischwuler Eltern geht - einem Thema, das für sie auch persönliche Relevanz besitzt. Um den hohen Druck, der in den meisten Fällen auf den Eltern lastet, zu beseitigen, muss das klassische Familienbild geöffnet und erweitert werden. Um dies zu erreichen, könne unter anderem ein Schwerpunkt auf die Arbeit gegen Homophobie an Schulen gelegt werden.
Regenbogenfamilie
Rücker hat in der Öffentlichkeit zwar nie explizit Stellung zu ihrer sexuellen Orientierung bezogen, versteckt sie aber auch nicht. Ihre Rolle wird unweigerlich zur Akzeptanz unterschiedlicher Familiensituationen beitragen, zumal Rücker selbst erst seit einigen Jahren mit einer Frau zusammenlebt, ihr aber auch das klassische Kleinfamilienmodell vertraut ist. Die Sichtbarkeit Schwuler, Lesben und Transgender sei in einer Gesellschaft, die noch homophobe Züge trägt - wozu die nach Meinung der Poltikerin "halbseidene" Notariatslösung der ÖVP zählt – ein wichtiges Symbol. Dabei wird in Rückers Augen die politische Rückständigkeit Österreichs nicht durch fehlende Akzeptanz in der Öffentlichkeit und den Medien, sondern durch einige konservative Politiker verschuldet. Dennoch setzt sie darauf, dass sich eine positive Lösung für gleichgeschlechtliche PartnerInnenschaften noch vor der nächsten Nationalratswahl finden wird.
Für offene Gesellschaft
Wünschenswert wäre es, wenn künftig eine lesbische Politikerin mit Kindern nur einen Lebensentwurf von vielen repräsentiert, und die Homosexualität einer Kandidatin oder eines Kandidaten keiner Extrameldung mehr für nötig befunden wird. Doch bis dahin kann und sollte die offensive Präsenz von Lesben und Schwulen, die, wie Rücker, bewusst nicht in die Rolle des Paradiesvogels schlüpfen, als Antrieb für eine Öffnung der Gesellschaft fungieren.
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